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Urlaub im Schrebergarten

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Urlaub im Schrebergarten

Der Sommer 2020 lief wohl für uns alle deutlich anders, als wir es geplant hatten. Zweifach-Mama Silke verbrachte mit ihren Kindern die Ferienwochen im geborgten Schrebergarten – und entdeckte ihren grünen Daumen.

Man merkt ja bekanntlich immer erst, was man hatte, wenn es weg ist. Ich gebe zu: Bei mir hat es noch einige Jahre gebraucht, bis ich den großen Garten meines Elternhauses vermisst habe. Als Teenager fand ich es einfach nur nervig, wenn ich Zuhause Rasen mähen oder Laub harken musste. Mit 19 bin ich von Zuhause ausgezogen und habe erst einmal das Großstadtleben genossen. Wer braucht schon einen Garten, wenn er die U-Bahn Richtung Reeperbahn vor der Tür hat?

Mit den Kindern kommen neue Prioritäten

17 Jahre später sehne ich mich nach kaum etwas mehr als einem kleinen Stück Rasenfläche, das wir unser Eigen nennen können. Wo man ohne Sorge um Abstandsregeln die Kinder loslaufen lassen kann. Oder sich selbst einfach mal spontan in die Sonne legen möchte.

Nichts davon funktioniert in unserer 75-qm-Wohnung an der Hamburger Bundesstraße B5. Mal abgesehen davon, dass eine Liege oder auch nur Stühle auf den winzigen Balkon nicht hinpassen: Man würde bei dem Straßenlärm ohnehin das eigene Wort nicht verstehen. Von ausreichend Platz für Sandkiste oder Planschbecken mal ganz zu schweigen: Wer lässt seine (kletteraffinen …) Kinder schon im dritten Stock auf dem Balkon toben? Wir jedenfalls nicht.

„Suche Blumengießer, biete Schrebergarten!“

Natürlich wird mir die fehlende Spielfläche für unsere Kids vor allem im Corona-Jahr 2020 schmerzlich bewusst. Wer weiß, ob ich ohne den wochenlangen Indoor-Beschäftigungs-Marathon überhaupt auf die Annonce geantwortet hätte, die eines Abends in unserem Online-Nachbarschaftsportal aufpoppte: „Schrebergarten-Sitter gesucht“, stand dort. Die Eigentümer planten eine dreiwöchige Wohnwagen-Tour durch Deutschland. Der Deal: Wer während ihrer Abwesenheit ihre Blumen gießt, darf den Garten samt Planschbecken, Trampolin, Kohlegrill und vielem mehr nutzen. Ich schrieb innerhalb von Sekunden zurück – als die erste von, wie ich später erfuhr, über 50 Interessierten. Was ein Glück!

Wenige Tage später traf ich die Eigentümerin zur Übergabe – und konnte unser Glück erneut kaum fassen: Der Garten war nicht nur ein Kinderparadies voller Outdoor-Spielzeug, sondern auch gefüllt mit jeder Menge Obst und Gemüse, das es zu ernten und essen galt. Erstaunlich, dass so eine kleine grüne Oase keine zehn Gehminuten von unserer Wohnung schlummert, versteckt zwischen dem riesigen Rewe-Parkplatz und einem grau-trüben Produktionswerk. Ich holte mir ausführliche Instruktionen zur Bewässerung und Pflege der Pflanzen ab – dann ging unser kleines Garten-Urlaubsabenteuer los.

Sachen packen und ab in den Garten!

Mit Körbchen für die „Ernte“ bepackt starten meine Kinder und ich am ersten Tag also in „unseren“ Garten. Während die Kinder Trampolin und Planschbecken stürmen, wacht die Gärtnerin in mir auf. Ich gebe zu: Die Verantwortung über all die liebevoll angelegten Obstpflanzen und Gemüsebeete lag mir ein wenig im Magen. Was, wenn ich ihnen nicht genug Wasser gebe? Oder zu viel? Wie bindet man eigentlich Tomaten hoch? Wann sind die Früchte erntereif? Und wie werde ich die Nacktschnecken los?

Vom Stadtkind zum Gartenprofi in drei Wochen

Spätestens jeden zweiten Tag verbrachten wir in „unserem“ Garten. Ich habe in diesen drei Wochen vermutlich so viel gegoogelt, wie nie in meinem Leben zuvor. Und dabei so viel über Pflanzen gelernt, wie bei keinem Bio-Lehrer meiner Schullaufbahn. Ich habe Fotos an meine Schwester geschickt, weil ich Gemüsesorten nicht erkannt habe (woher soll ich wissen, dass es GELBE Zucchini gibt?). Ich habe meine beste Freundin (wie eine Schnecke) mit Bier in den Garten gelockt, damit sie mir beim Rasenmähen hilft – und mich herzhaft von ihr auslachen lassen, da ich ausgerechnet das Unkraut liebevoll hatte stehenlassen (das haben wir dann natürlich noch nachgebessert).

Nach drei wunderbar entspannten und dennoch herrlich aufregenden Wochen ganz ohne Reisestress und Corona-Angst lasse ich den Schlüssel zur Gartenlaube unterm vereinbarten Blumentopf liegen. Ich bin ein bisschen stolz: Keine Pflanze ist mir eingegangen in dieser Zeit. Im Gegenteil: Alles wuchert nur so vor sich hin. Vielleicht ein wenig zu doll und wild. „Verwunschen“ ist das Wort, das meine Freundin dafür verwendet. Und genauso hat er sich angefühlt, unser grüner Sommer mitten in der Innenstadt. Und eins steht fest: Unseren winzigen Balkon nutzen wir künftig, um zumindest ein paar eigene Kräuter anzupflanzen. Denn auch die Kinder wissen jetzt: Am besten schmeckt es, wenn es selbst gepflückt ist.